Illustration, KI, Fotografie: die Unterschiede in der Bildgestaltung

Vorteile der Illustration im Vergleich mit Künstlicher Intelligenz und Fotografie

Und welche Vorteile Illustration für Fachwissen bietet.

 

Welche Fachrichtungen nicht alle seit dem Aufkommen von Künstlicher Intelligenz gestorben sind – ich gebe zu, ich habe den Überblick verloren. Illustration ist auf jeden Fall schon den tausendsten Tod gestorben. Trotzdem lebt sie noch.

Eine meiner wichtigsten Aufgaben in der Illustration ist die Aufbereitung und Vermittlung von Wissen. Das können zum Beispiel Infografiken zu sehr technischen Themen für Unternehmen sein oder Sympathiefiguren, die bestimmte Dinge erklären. Regelmäßig entwickle ich auch Sachbücher für Kinder (und Erwachsene) – inklusive Konzept, Text, Gestaltung und Illustration.

Lange Zeit waren Fotografie und Illustration die einzigen beiden Möglichkeiten, einen Text visuell zu erläutern, zu unterstützen und zu ergänzen. Doch inzwischen gibt es auch generative künstliche Intelligenz und die zahllosen Bildgeneratoren. Jedes Medium und jede Technik hat ihre Sonnen- und Schattenseiten. Wie vermittelt man am besten Wissen durch Bilder? Und ist das Ergebnis alles, was zählt?

 

KI, Fotografie und Illustration – wer kann was besonders gut?

 

Fotografie

Fotografie ist aus der Wissensvermittlung nicht wegzudenken. Sie eignet sich hervorragend zur Dokumentation und Reportage, bildet sie doch das ab, was vor der Linse geschieht. Ihre Grenzen liegen bei Themen, die nicht fotografiert werden können, zum Beispiel weil diese in der Vergangenheit liegen. Gleichzeitig hat eine Fotografin Gestaltungsspielraum: Bildausschnitt, Komposition, Beleuchtung … alles liegt in ihrem Ermessen. Der Betrachter eines Fotos sieht die Welt aus ihrem Kamerawinkel.

Fotografien (und auch Filmaufnahmen) sind zugleich oft eine entscheidende Grundlage, damit sich eine Illustratorin überhaupt ein Bild von gewissen Themen, Tierarten oder Geschehnissen machen kann.

Ein konkretes Beispiel aus meiner eigenen Arbeit ist das Sachbuch »Mit Jane Goodall bei den wilden Schimpansen« aus dem Gerstenberg Verlag. Es ist eine Neuauflage. Sein Vorgänger war das Buch »Jane Goodall & Dian Fossey«. Dieses Buch ist fast ausschließlich mit alten Fotografien bebildert. Man bekommt durch die Fotos einen realistischen Eindruck der damaligen Umgebungen und Personen – es ist also tolles Dokumentationsmaterial. Auf der anderen Seite erzählen die Fotos keine durchgängige Geschichte. Von einigen, für die Geschichte wichtigen Geschehnissen fehlen Fotos komplett. Zudem ist die Qualität der Bilder uneinheitlich und insgesamt körniger als heute.

 

Mit Jane Goodall bei den wilden Schimpansen: Buchcover

 

Illustration

Hier hat die Illustration ihre Sternstunde. Ihr Vorteil: mehr visuelle Einheitlichkeit und eine durchgängige Geschichte in Bildern (serielle Illustration), wo alles aufeinander aufbaut. Wichtige Schlüsselszenen kann man illustrieren, auch wenn es keine Vorlagen dazu gibt. Und man kann die Erkenntnisse, die man durch vorhandene Fotografien gewinnt, einbauen, z. B. wie das Camp von Jane Goodall aussah. Daher entschloss sich der Gerstenberg Verlag, auch gemeinsam mit der Autorin, das Buch neu aufzulegen und diesmal vollständig illustriert.

Natürlich ist man als Illustrator auf fotografisches Referenzmaterial angewiesen. Aber durch die eigene Vorstellungskraft können auch Szenen dargestellt werden, die nicht bildlich dokumentiert sind. Dabei hat er (oder sie) die vollständige künstlerische Kontrolle über die Bildgestaltung: Komposition, Perspektive, Farbatmosphäre, Kontraste, Ausarbeitung und natürlich den gesamten Ablauf des Buches. Ich kann gezielt Humor einbauen, Details hinzufügen oder reduzieren. Viele Menschen denken, als Illustratorin malt man nur einzelne Bilder. In Wirklichkeit entwickelt man aber ein visuelles Gesamtkonzept.

 

Mit Jane Goodall bei den wilden Schimpansen: Tauziehen um ein altes Hemd zwischen einem Naturfilmer und einem Schimpansenmann.

Mit Jane Goodall bei den wilden Schimpansen: ganzseitige Illustration mit einer zusammengekauerten Jane und mehreren Schimpansen, die kurz vor dem Angriff stehen.

 

(Beide oben abgebildeten Szenen haben stattgefunden, wurden aber nicht fotografiert oder gefilmt.)

 

Generative Künstliche Intelligenz

Und was ist jetzt mit KI-Bildern? Die können doch alles, oder? An Schnelligkeit ist KI von keinem Menschen zu übertreffen, nicht mal von einem Schnellzeichner. Gut recherchierte Illustrationen mit detaillierter Ausarbeitung brauchen ihre Zeit. Und auch wenn das Drücken auf den Auslöser bei der Fotografie schnell geht, fließt doch viel Arbeit in das Setting, die Lichtgestaltung und je nachdem, was fotografiert wird, auch in das Finden des Motivs. All das fällt beim Prompten weg.

Doch schauen wir auch hier einmal auf ein praktisches Beispiel: In dem Buch »Hui, Spinne! Haustierchen halten für Anfänger« eröffne ich jeden Steckbrief mit einer Großansicht des jeweiligen Tieres, z. B. die Große Zitterspinne von oben (dorsale Ansicht). Das kann eine KI doch problemlos erzeugen, oder? Tatsächlich war ich ziemlich baff, wie schwer es war. Dabei ist sie nun wirklich keine Rarität in unserem Alltag. Ich habe unterschiedliche Generatoren getestet und das beste Ergebnis bekam ich durch eine englische Beschreibung in Nano Banana. Doch auch dieses Bild, das erstmal nach Zitterspinne aussieht, verfehlt die Realität um Längen – genau genommen um Beinlängen. Die Proportionen von Körper und Beinen stimmen überhaupt nicht.

Ein Vergleich zwischen drei KI-generierten-Zitterspinnen und einer handgemachten Illustration. Die Illustration bildet die Proportionen der Spinne korrekt ab.

(Von links nach rechts: ChatGPT, Adobe Firefly, Gemini, handgemachte Illustration von Lena Zeise)

 

 

 

Mehr als ein Selbstexperiment: Dies ist nicht nur das Ergebnis meines kleinen Experiments. In einem Geo-Interview erklärt Dr. Hannes Petrischak von der Heinz Sielmann Stiftung, warum KI-generierte Tierbilder unserer Naturwahrnehmung schaden können. Es ist eben nicht realistisch, wenn der Feldhamster die Statur eines Goldhamsters hat. (Der Link zu dem Interview befindet sich unten in den Quellen.)

 

 

Als Illustratorin sichte ich vorab zahlreiche Fotos und wissenschaftliche Zeichnungen, die hilfreich sein können, um den Körperbau zu verstehen. Dann »baue« ich mir mein eigenes Exemplar zusammen: bestimme die Ansicht, die Körperhaltung und auch die Farbgebung. Und der Verlag sorgt für gewöhnlich dafür, dass ein Fachexperte alles noch einmal überprüft.

Eine kleine Randnotiz: Hier liegt ein weiterer zentraler Unterschied zwischen Fotografie und Illustration. Bei der Fotografie wird ein Einzelexemplar einer Tierart gezeigt, eine Illustration kann aber ein idealtypisches Exemplar darstellen, was zur Artenbestimmung weitaus besser geeignet ist.

Das alles zeigt: Um ein KI-Ergebnis beurteilen zu können, muss man sich ebenfalls mit dem Bildinhalt auskennen. In diesem Fall sollte man einschätzen können, wie lang die Beine der Großen Zitterspinne im Vergleich zum Körper sind.

Und manchmal kommt man nicht weiter, weil die KI keine passenden Bilddaten hat. Ich habe mal versucht, einen Schimpansen mit »Knollnase« abzubilden. Klingt etwas verrückt, aber es gab so eine Schimpansin in der Gruppe, die Jane Goodall beobachtet hat. Es ist alles dabei rausgekommen, jede Art von verzerrtem Nasenloch bis hin zu einer Gemüseknolle auf der Nase. Nur das, was ich wollte, war leider nicht dabei. Hier mal eine Skizze zu drei sehr unterschiedlichen Schimpansengesichtern:

Mit Jane Goodall bei den wilden Schimpansen: skizzenhafte Illustrationen unterschiedlicher Schimpansenköpfe.

 

Auf den Pixel gebracht: Was bedeutet das für die Praxis?

 

Fotografie kann wie kein anderes Medium die Realität dokumentieren und bildet vielfach die Grundlage für generative KI und Illustrationen. Natürlich gibt es auch Möglichkeiten, Bilder zu verändern. Gleichzeitig beeinflussen das Auge des Fotografen und seine Kenntnisse die Qualität der Bilder.

Klare Vorteile der Illustration: Sie kann neue Aspekte in Bilder hineinbringen oder darstellen, was nicht dokumentiert wurde. Dabei bestimmt der Illustrator sehr genau, was abgebildet wird und wie. Es können konsequent und einheitlich Geschichten erzählt werden. Gleichzeitig zeigen sie natürlich die Sichtweise des Illustrators und damit eventuell auch mögliche Vorurteile. Da hilft nur Teamarbeit mit Wissenschaftlern, Lektoren, Art-Direktoren und Bildredakteuren.
Natürlich wird das Ergebnis nur so gut, wie die Fähigkeiten des Illustrators reichen. Kein Illustrator kann es mit der Stil-Vielfalt der KI aufnehmen. Außerdem ist ein Illustrator deutlich langsamer und teuer. Dafür denkt er oder sie mit, bringt menschliche Erfahrungen und Empathie mit ein und kann auch mal ungewöhnliche Ideen anstoßen.

Generative KI-Bilder sind unfassbar schnell gemacht in großer Zahl und Varianz und man benötigt keine gestalterischen Fähigkeiten. Das macht diese Technik so reizvoll für viele. Doch gleichzeitig ist KI auch sehr fehleranfällig. Halluzinationen gehören zur Tagesordnung und können niemals vollständig ausgeschlossen werden. Man hat als »Prompter« nur einen begrenzten Einfluss auf die Ergebnisse, die die KI ausspuckt, und muss im Zweifelsfall nacharbeiten. Inhalte zu prüfen, ist unerlässlich. Ein Negativbeispiel, das Schlagzeilen gemacht hat, war ein Pilzratgeber auf Amazon. Er hat ungenießbare und giftige Pilze verwechselt, was echt ins Auge gehen kann – oder besser in den Magen. Auch Inhalte für Kinder sollten von Menschen mit Ahnung und Empathie geprüft werden.

Man muss sich der eigenen Verantwortung bewusst sein, denn Bilder können unsere Wahrnehmung täuschen und dauerhaft verzerren. Und Betrachter verlieren das Vertrauen, wenn sie sich belogen fühlen. Daher würde ich persönlich auch immer kenntlich machen, wenn ein Bild mit KI erstellt wurde. Zudem zeigen Studien, dass Vorurteile unserer Gesellschaft nicht nur durch Künstliche Intelligenz übernommen, sondern teilweise auch verstärkt werden.

 

 

Wichtiger Hinweis: Nicht vergessen sollte man das Urheberrecht. KI-Bilder sind urheberrechtlich nicht geschützt, das heißt, jeder kann die Bilder nutzen, selbst erstellt oder nicht. Gleichzeitig wird generative KI auf Grundlage urheberrechtlich geschützter Werke trainiert: Fotos, Illustrationen, Texte. Der Urheber hat davon gar nichts und kann sich dagegen auch nicht wirklich wehren. Dies ist kein kommerzielles, sondern ein ethisches Dilemma.

 

 

Wenn der Weg das Ziel ist, sollte man den Prozess nicht abkürzen.

 

Ein häufig unterschätzter Aspekt in der Gestaltung ist der Prozess. Bisher habe ich nur über Ergebnisse gesprochen. Doch es kommt oft vor, dass der Prozess des »Bildermachens« das Ergebnis verändert. Wer kennt nicht den Spruch »Die erste Idee ist für die Tonne.« Zu Beginn assoziieren wir erst einmal alles Offensichtliche mit zumeist eher mäßigem Ergebnis. Erst wenn wir uns durchbeißen und über alles Naheliegende hinwegklettern, steigen wir auf zu neuen Lösungen. Generative KI verkürzt uns diesen Prozess erheblich. Hier ist das Ziel, das Ziel, auf Tastendruck. Keine Reibung und kaum Anstrengung für die kleinen grauen Zellen.

Bleiben wir bei dem Buch »Hui, Spinne!«. Ich wollte gerne ein Buch über unsere kleinen tierischen Mitbewohner machen. Die Idee, es als Haustierratgeber aufzuziehen, kam durch den Verlag Klett Kinderbuch zustande. Nicht gerade die wahrscheinlichste Lösung, wenn man die KI fragt.

 

Hui, Spinne: Das Cover zeigt jede Menge Krabbler aus dem Buch, z. B. Schabe, Assel oder Motte.

 

Dieser Entwicklungsprozess ist also beim Gestalten sehr wichtig. Meine Auftraggeber:innen haben nur selten detaillierte Vorstellungen zur Umsetzung. Und sie müssen auch ihre Zielgruppen berücksichtigen. Häufiger gibt es nur ein Ziel, zum Beispiel: »Wir brauchen eine Infografik zum Thema xy.« Oder: »Wir brauchen ein Visual, das die Zielgruppe xy anspricht und das Thema z bewirbt.« Man setzt also als Illustratorin und Designerin nicht nur um, man berät auch zur Ansprache des Zielpublikums, zur Bildwirkung und, falls nötig, zur Druckabwicklung und vieles mehr.

 

Was man sich fragen sollte, bevor man sich für ein Medium entscheidet:

 

1. Wofür brauche ich das Bild? Soll ein Social-Media-Post oder soll eine Fachpublikation bebildert werden?

2. Was erwartet mein Publikum? Will es KI-Inhalte sehen oder erwartet es etwas Menschengemachtes?

3. Steht schon fest, was dargestellt werden soll, oder muss erst noch eine Idee entwickelt werden?

4. Wie wichtig ist mir das Vertrauen der Betrachter? Sind fehlerhafte Darstellungen zu tolerieren oder führen Bildfehler zum Verlust meiner Expertise?

5. Wie viel Kontrolle möchte ich über den Prozess haben?

6. Wie viel Unterstützung wünsche ich mir bei der Erstellung der Inhalte?

 

 

Und immer schön an das magische Dreieck denken: gut, schnell und günstig. Nur zwei Sachen sind realistisch. Stockfotos und KI liegen nach meiner Einschätzung zwischen schnell und günstig – was können Sie dann nicht sein?

 

 

Wer die Wahl hat, hat eben die Wahl: Es ist deine Entscheidung, welches Medium du nutzt. Wenn du eine professionelle Bildgestalterin benötigst, die dein Fachwissen in Illustrationen übersetzt, dann lass uns sprechen. Das Erstgespräch ist natürlich kostenlos.

 

Quellen und weiterführende Links:
  • Geo-Interview zum Thema Tierdarstellungen
  • Zeit-Artikel zu Geschlechterstereotypen und KI
  • Artikel von Wissenschaftskommunikation.de zu KI und Geschichtsdarstellungen
  • Beitrag zum Einsatz von KI in Kindermedien
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